Von Warteschleife zu Wow-Moment: KI richtig in Prozesse einbauen
Shownotes
Schluss mit Warteschleife: So macht KI Kunden endlich glücklich
Vom Fotobuch bis zur Müllentsorgung: Mit Chat- und Voicebots verbessern Unternehmen ihren Kundenservice. KI verbindet fragmentierte Prozesse und erhöht die Effizienz. Doch warum scheitern viele KI-Projekte dennoch?
Gast in dieser Folge: Jana Richter, Executive Vice President AI & Innovatio bei NFON
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00:00:00: MATTHIAS RUTKOWSKI: Bitte warten! Diesen Sound, den kennt, glaube ich, jeder. Und ich glaube, jeder von uns hasst ihn: die Warteschleifenmusik. Wenn ich ehrlich sein muss, steigt mein Puls nach wenigen Augenblicken mit jeder Sekunde dieses Gedudels. Und wenn wir mal ehrlich sind, dann ist die Warteschleife das Symbol für alles, was in der Kommunikation schiefläuft: Systeme, die nicht miteinander reden. Kanäle, die nebeneinander existieren, statt zusammenzuarbeiten. Und Kunden, die sich dreimal erklären müssen, obwohl sie nur ein Anliegen haben, das schnell gelöst werden könnte. Hinzu kommt zu dem Ganzen aber ein weiteres Paradoxon: Unternehmen stecken gerade Milliarden in KI- und Cloud-Lösungen, die vieles besser machen sollen, und trotzdem scheitern laut einer aktuellen MIT-Studie 95 Prozent aller KI-Projekte. Warum und wie geht es besser? Darüber spreche ich mit Jana Richter, Executive Vice President Engineering, AI und Innovation beim Anbieter für integrierte Cloud-Business-Kommunikation Enreach. Hallo.
00:00:49: JANA RICHTER: Ja, hallo. Ich freue mich, hier zu sein.
00:00:52: STATION-VOICE: So klingt Wirtschaft - Zukunftsthemen für Unternehmen. Jeden Mittwoch sprechen wir mit Entscheiderinnen über die Herausforderungen und Trends in ihrer Branche, mit jeder Menge Insights und neuen Denkanstößen aus der Wirtschaft für die Wirtschaft.
00:01:03: MATTHIAS RUTKOWSKI: Jana, Warteschleifenmusik. Ich habe ja gerade gesagt, ich kriege relativ schnell Puls dabei. Wie sieht es bei dir aus? Wie geduldig bist du?
00:01:12: JANA RICHTER: Ja, ich bin froh, wenn die Warteschleife irgendwann dann auch mal endet und jemand rangeht. Aber mir geht es genauso, dass ich sage: Irgendwo zehn Minuten bei Musik zu hängen und dann am besten noch mit jemandem zu sprechen, der sich nicht auskennt und der dann auch noch mal dreimal weiterleiten muss, ist nicht die Erfahrung, die ich gern sehe.
00:01:32: MATTHIAS RUTKOWSKI: Stichwort Servicewüste: Man fühlt sich als Kunde, glaube ich, nicht so wirklich gut ernst genommen und aufgehoben. Laut dem Branchenverband Bitkom nutzt inzwischen jedes dritte Unternehmen in Deutschland KI, vor allem im Kundenkontakt und in der Kommunikation, Stichwort First-Level-Support zum Beispiel. Gleichzeitig zeigt ja aber auch eine aktuelle MIT-Studie - ich habe es eingangs erwähnt -, dass 95 Prozent aller KI-Pilotprojekte scheitern, weil der erhoffte Effizienzgewinn ausbleibt oder sich das Ganze einfach nicht in Prozesse integrieren lässt. Wie erklärst du jetzt diesen Widerspruch?
00:02:01: JANA RICHTER: Ich sehe da keinen direkten Widerspruch, sondern grundsätzlich erst mal die Herausforderung bei Innovationen, dass man viele Dinge probiert und auch ganz natürlich bei Innovationen Sachen mal nicht funktionieren. Wir sehen da aber schon eine sehr große Lücke zwischen KI-Nutzung und der echten Wertschöpfung. Also man guckt auf die Gewinn- und Verlustrechnung und sagt dann am Periodenende: Hat sich da jetzt mit KI etwas zum Positiven verändert? Und genau das lässt sich in supervielen Unternehmen nicht nachweisen. Und da zeigt sich natürlich, dass reine Leuchtturmprojekte - irgendwie Tests, Lizenzen, die ich mal an Enduser verteile und sage, ja, probiert doch mal aus und nutzt das mal so ein bisschen individuell - nicht zwangsläufig zu Produktivität führen, die dann einen messbaren Betriebseffekt hat.
00:02:42: MATTHIAS RUTKOWSKI: Also verstehe ich dich richtig, dass vielleicht auch so dieses große Versprechen da ist: KI kann vieles besser und einfacher und effizienter machen. Dann wird die Gießkanne genommen, es wird erst mal drübergekippt und am Ende stellt man fest: Hm, hat sich nicht so verteilt, wie wir es eigentlich gedacht hätten - anstatt den Weg andersherum zu machen, erst mal aus dem Kleinen heraus nach oben zu denken.
00:03:04: JANA RICHTER: Überhaupt zu sagen: Wo stehen wir denn jetzt heute? Also wo habe ich denn ein Problem oder ein Optimierungspotenzial im Unternehmen? Kann ich jetzt schon sehen, was sich da verbessern lässt? Haben wir da viel manuellen Aufwand, der mehr automatisiert sein könnte? Können wir Durchlaufzeiten beschleunigen? Kann man weniger Fehler machen? Kann man irgendwo mehr Umsatz generieren, die Kundenzufriedenheit steigern? Selbst das muss man am Anfang mal klären, sonst erwartet man so die eierlegende Wollmilchsau, sage ich immer. Und wenn man die Klarheit am Anfang nicht hat, lässt sich hinterher auch nicht verbessern: Was hat sich denn jetzt geändert und wie kaskadiert sich das am Ende des Tages nach oben?
00:03:41: MATTHIAS RUTKOWSKI: Was sind denn so typische Symptome, die du oft siehst, wenn du so ein Unternehmen besuchst, wenn es mit dir in Kontakt tritt und sagt: Wir möchten hier eine integrierte Komplettlösung haben, die vielleicht auch AI-ready oder AI-supported ist.
00:03:55: JANA RICHTER: Ich sehe manchmal Unternehmen, die wirklich ganz vorn anfangen und sagen: Wir gehen mal in die Ideation. Wo stehen wir denn heute? Was ist denn heute überhaupt schon technologisch möglich? Wo gibt es schon Anwendungsfälle, die eine gute Inspiration sind? Und dann ganz andere Unternehmen, die schon sehr weit sind, die ein sehr klares Zielbild haben und dann eher einen kompetenten und verlässlichen Partner brauchen, der mit ihnen zusammen den Anwendungsfall realisiert.
00:04:20: MATTHIAS RUTKOWSKI: Wir haben 2026. Seit Jahren reden wir jetzt schon sehr intensiv darüber und sagen: Das ist ein Boom, das ist ein Trend, den man nicht verpassen sollte. Und trotzdem gibt es noch Unternehmen, die sich bisher da so ein bisschen zurückgehalten haben und keine Ahnung haben.
00:04:36: JANA RICHTER: Ja, also das begegnet mir durchaus noch. Und häufig muss man wirklich einmal rangehen und sagen: Ist schon Klarheit da, was es überhaupt für Problemfelder gibt? Ist schon klar, was auch überhaupt der ideale Zielzustand ist? Also: Wo wollen wir denn eigentlich hin? Wie läuft denn der Prozess heute? Auch da: Es gibt Unternehmen, die sind superstrukturiert, haben sehr standardisierte Prozesse. Bei manchen ist man eher auch da und sagt: Lass uns doch mal gemeinsam schauen, was genau heute passiert, was wiederholbar ist und was man automatisieren kann und was es da auch für Varianten gibt. Wo können wir denn konkret unternehmensweite Prozesse verbessern? Wo können wir ein klares Zielbild entwickeln, welches Problem wir lösen, das mehrere Arbeitsschritte umfasst? Also das Ganze unter dem agentischen KI-Gedanken tatsächlich zu denken: Mensch, wie können wir jetzt verschiedene Schritte zusammenstöpseln? Da sind Unternehmen schon sehr unterschiedlich weit.
00:05:24: MATTHIAS RUTKOWSKI: Aber ich höre richtig raus: Es geht vor allem darum, so eine Vorstellung zu schärfen, wie KI meinem Unternehmen, meinen Prozessen einen wirklichen Boost nach vorne geben kann.
00:05:34: JANA RICHTER: Genau. Und häufig ist das schon auch ein Erfolgskriterium. Wenn man die Stelle zu schnell abkürzt und sagt: Nee, wir wollen gleich in die Umsetzung gehen, dann ist häufig die Enttäuschung hintendran größer. Aber genau diesen Teil zu schärfen, dann zu sagen: Haben wir die richtigen Leute am Tisch? Also haben wir einen fachlichen Owner, der wirklich das Thema vorantreibt, aber dann noch das ganze Team und auch rechtzeitig Teams wie Datenschutz und Governance an Bord zu holen, dass man nicht irgendwie relativ spät im Prozess dann merkt: Ja, da hätte man noch mal ein paar Dinge bedenken müssen. Das sind definitiv superrelevante vorbereitende Schritte, bevor man dann sagt: Okay, wenn wir die alle am Tisch haben und Klarheit haben, was wir machen wollen, dann ist die Umsetzung deutlich leichter, als wenn man das erst spät im Prozess klärt.
00:06:21: MATTHIAS RUTKOWSKI: Viele Stakeholder heißt auch viele, sage ich mal, Partikularinteressen. Oder wie man auch anders sagen kann: Viele Köche können den Brei auch verderben. So ein KI-Projekt soll ja jetzt nicht verdorben werden. Blicken wir mal bei dir auf deine Kommunikationsbranche und Cloud-Lösungen, zum Beispiel im Bereich der Kommunikation. Welche zwei bis drei Trends siehst du denn, wo die Unternehmen gezielt nachfragen und die auch wirklich deren Kommunikation, intern als auch extern, gerade wirklich nach vorne bringen?
00:06:47: JANA RICHTER: Also ich sehe, dass wir häufig mit Kunden sprechen, wenn wirklich ein konkreter operativer Schmerz existiert. Und das kann sehr unterschiedlich aussehen. Also häufig gehen auch Anrufe einfach verloren. Telefonie: Natürlich hat jeder eine Telefonnummer, aber wer geht überhaupt ans Telefon? Komme ich denn zum richtigen Ansprechpartner - das, was wir am Anfang auch besprochen haben - und wie läuft es dann danach auch weiter? Also laufen Übergaben, laufen Serviceprozesse oder muss der Kunde eigentlich zum dritten Mal anrufen und wieder erklären: Mensch, was ist eigentlich mein Problem? Und irgendwann ruft er nicht mehr an. Und das ist eigentlich das größte Problem fürs Unternehmen. Also das heißt: Sind die Systeme integriert, sind die Prozesse integriert? Und das ist häufig kombiniert damit, dass auch die Kundenerwartungen natürlich in den letzten Jahren massiv gestiegen sind, zu sagen: Wir wollen eigentlich rund um die Uhr Fragen stellen können, kompetente, fundierte Antworten bekommen, Prozesse anstoßen können. Also da ist quasi auch ein Druck, mit den bestehenden begrenzten Ressourcen und Kollegen, die man im Unternehmen hat, diese Erwartungen zu erfüllen. Häufig ist KI dann wie bei jedem Transformationsprojekt eher auch so ein Brennglas, wo man dann sieht: Wenn irgendwo Daten fehlen, wenn Übergaben schon nicht funktionieren, dann ist das natürlich etwas, was man echt strukturell angehen muss.
00:07:57: MATTHIAS RUTKOWSKI: Also wenn wir es sozusagen in einen Dreiklang packen müssen: Wir haben zum einen 24/7, am liebsten Bereitschaft beziehungsweise Erreichbarkeit. Wir haben gestiegene Kundenerwartungen, dass sie möglichst schnell die Informationen bekommen, die sie haben wollen. Und last but not least Konnektivität. Das heißt: Alle Informationen, die irgendwie in so einem Unternehmen verfügbar sind und dem Kunden bereitgestellt werden können, dass die auch abrufbar sind.
00:08:20: JANA RICHTER: Genau. Also wenn man Dinge als isolierte Insel betrachtet, dann entstehen meistens genau diese Brüche. Und wie du es genau erwähnt hast: Das soll eigentlich ein zusammenhängendes Erlebnis sein - von genereller Erreichbarkeit, auch da vielleicht schon direkt so Produktivitätstools, so etwas wie Anruftranskription, Zusammenfassung, intelligente Weiterleitung - aber dann genau Kundeninteraktionen über Kanäle hinweg zu steuern. Die Leute melden sich nicht nur per Telefon, sie schreiben E-Mails, sie kontaktieren über Social Media, WhatsApp. Das Ganze tatsächlich zusammenzubringen mit sogenannten Contact-Center-Lösungen und dann zu erkennen: Wo sind hier wiederkehrend standardisierte Anliegen, die wir höhergradig automatisieren können, um auch die Teams zu entlasten unter genau diesem Erwartungsdruck.
00:08:56: MATTHIAS RUTKOWSKI: Und sozusagen Fluch und Segen von Omnichannel: Viele Kanäle, viel Erreichbarkeit, aber auch gleichzeitig viele Herausforderungen damit.
00:09:02: JANA RICHTER: Genau. Und natürlich auch nicht die Möglichkeit, mit jedem Kanal einfach mal das Team zu verdoppeln, sondern zu sagen: Man muss das gut, intelligent zusammenbringen und integrieren, um das auch gut zu beherrschen und eine gute Kundenerfahrung zu liefern.
00:09:15: MATTHIAS RUTKOWSKI: Du hast vorhin mal diese schöne Formulierung "operativer Schmerz" genannt. Lass uns mal in die Praxis gucken, vielleicht auch so ein Beispiel von euch, von Enreach. Das war das Ausgangsszenario, so sind wir das ganze Thema angegangen und das ist die ... und hat den und den Mehrwert gebracht.
00:09:32: JANA RICHTER: Einen tollen Kunden, den ich gerne erwähnen möchte, ist CEWE. Die sind europäischer Marktführer im Bereich Fotodienstleistungen, also Kalender, Fotobücher, all solche Dinge. Und wie man sich vorstellen kann, ist es auch ein sehr stark saisonales Geschäft. Da kann das Bestellvolumen tatsächlich um bis zu 400 Prozent ansteigen. Was natürlich spannend ist: Wie geht man als Unternehmen wie CEWE dann damit um, dass man auf einmal 400 Prozent mehr Bestellungen rund um die Weihnachtszeit hat als im restlichen Jahr? Und Fotogeschenke sind superemotional, das sind sehr persönliche Erinnerungen. Das heißt, da ist eine Erwartungshaltung zur Geschwindigkeit, aber auch, wenn mal etwas nicht passt, dass das tatsächlich empathisch und verlässlich gelöst wird, weil man möchte Weihnachten definitiv nicht ohne Fotobuch dastehen - oder mit einem, was irgendwie falsch gedruckt ist.
00:10:15: MATTHIAS RUTKOWSKI: Könnte kein wirklich schönes Fest dann werden.
00:10:18: JANA RICHTER: Genau. Und da ist es natürlich superwichtig, als Teil der Supportstrategie die richtigen Kanäle zur Verfügung zu stellen. CEWE hat da einen Chatbot und Voicebot mit uns zusammen erstellt für Dinge wie Reklamationen, wenn mit einem Produkt mal etwas nicht passt. Und in den gesamten Prozess ist dann natürlich auch die gesamte Systemlandschaft integriert, also dass man das Problem melden kann, durchgeführt wird, bis hin zu: Man hat das Rücksendeetikett direkt erzeugt und kriegt die Ersatzlieferung zugesendet. Und auch das als deutscher Anbieter mit Fokus auf Datenschutzgrundverordnung- und EU-AI-Act-Konformität hat dann CEWE auch die Möglichkeit, das im eigenen Rechenzentrum zu betreiben. Und das Ergebnis ist, dass wir schon in den ersten zwei Monaten 4.000 Gespräche über den Voicebot realisiert haben, mehr als 300 Chats pro Tag zu Spitzenzeiten. Und das Ganze mit einem rundum positiven Erlebnis für die Kunden. Also dass wir auch 22 Uhr noch sagen können: Mensch, da gibt es ein Problem - und das Problem wird tatsächlich gelöst.
00:11:13: MATTHIAS RUTKOWSKI: So ein Druckprodukt ist ja an sich leicht standardisierbar. Ich habe die Vorlagen und muss dann anschließend einfach nur noch das individuelle Motiv da reinfügen. Hinzu kommt aber auch der Kunden-Need: Es ist individualisiert, es ist emotional. Und wenn ich eine Rückfrage habe, muss ich ja erst mal in diesen ganzen Prozess rein, muss gucken, an welcher Stelle ist jetzt gerade dieses Produkt. Es ist ja viel, es ist kleinteilig. Und letztlich gesehen muss so eine Technologie ja auch in der Lage sein, auf diese ganzen Zwischenschritte und Informationen zugreifen zu können.
00:11:44: JANA RICHTER: Genau. Erst mal die Integration in die generellen Kanäle, da eine ganze Integration in das CRM-System. Und wichtig ist genau bei dem Punkt, wie du es beschreibst: Natürlich gibt es so die 60 bis 70 Prozent Dinge, die kann man automatisiert, standardisiert rund um die Uhr klären. Aber für die komplexen Fälle ist natürlich nichts frustrierender, als wenn man dann genau da festhängt. Man hat also die Möglichkeit, jederzeit dann auch in den Live-Chat mit dem Serviceteam vor Ort zu springen und individuell noch Unterstützung zu kriegen - oder einen Rückruf beziehungsweise einen Rückruftermin innerhalb der Servicezeiten anzufordern. Und genau in der Kombination kann man dann das ganze Nutzererlebnis deutlich besser gestalten: Die 60 bis 70 Prozent, die sich über die Wissensbasis und über die Systemanbindung passend lösen lassen, können gleich automatisiert und rund um die Uhr geklärt werden. Und natürlich hat man jederzeit die Möglichkeit, dann auch persönlich unterstützt zu werden.
00:12:35: MATTHIAS RUTKOWSKI: Die KI ist so weit, dass sie aus dem vorhandenen Wissen auch kontextgebunden diese einfachen bis mittelkomplexen Anfragen, würde ich sie mal benennen, relativ gut und effizient abarbeiten kann. Und für die wirklich speziellen Fälle, da ist dann eben sozusagen der Mensch in the loop, wo der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin persönlich dann noch mal unterstützen kann und das Unternehmen nach außen hin vertritt und den Kunden sozusagen eine Lösung anbieten kann.
00:13:00: JANA RICHTER: Genau. Und aus meiner Erfahrung ist das eigentlich die beste Nutzererfahrung zum aktuellen Zeitpunkt: genau diesen Übergang zu haben. Zu sagen: Ja gut, dann kann ich vielleicht nicht nachts um 22 Uhr erwarten, wenn ich jetzt etwas superkomplexes habe, das auch individuell zu klären. Aber ich komme superweit für standardisierte Fälle und kann dann sagen: Ja, ruft mich bitte am nächsten Tag um 9 Uhr zurück, um mich da weiter zu unterstützen. Und das ist dann genau eine Erfahrung, wo man auch schon viele Dinge vorgeklärt hat.
00:13:29: MATTHIAS RUTKOWSKI: Stichwort bei KI ist ja auch Automatisierung. Viele Unternehmen sagen: Okay, wir möchten einen Teil vielleicht mit KI unterstützen, aber der Rest wird einfach noch vom Mitarbeiter, von der Mitarbeiterin gemacht. Im industriellen Kontext reden wir ja schon seit Jahren über Vernetzung, über IoT, über Automatisierung, über teilweise auch autonom laufende Fabriken. Was habt ihr da vielleicht für Erfahrungen gesammelt und vor allem: Wie kann hier KI in der Kommunikation zum Beispiel auch unterstützen?
00:13:54: JANA RICHTER: Wir haben einen tollen Kunden, Wittmann, Entsorgungswirtschaft mit Sitz in München. Die kümmern sich um alles, was so professionelles Recycling, Müllentsorgung, Wertstoffmanagement betrifft. Und auch das ist ein relativ komplexes Geschäftsmodell und da ist auch Erreichbarkeit kritisch. Also wenn ich mich nicht bei der Entsorgungswirtschaft melden kann und sagen kann, ich habe folgenden Bedarf, ist das natürlich ein Riesenproblem. Die Kunden erwarten da Geschwindigkeit und Verlässlichkeit. Und bei Wittmann sind sie so vorgegangen, zu sagen: Ja, wir müssen natürlich auch die Basis stabil aufstellen. Und da war der erste Schritt, überhaupt erst mal die Cloud-Telefonie sauber aufzubauen, also eine Möglichkeit, standortunabhängig zu telefonieren, selbst wenn Kollegen unterwegs sind, und auch da wieder in bestehende Prozesse und Kundenbasis integriert. Also das heißt: weniger Medienbrüche mit der Möglichkeit, über Contact-Center-Lösungen zu erkennen, wer ruft hier an, was hat derjenige für eine Historie, worauf bezieht sich die Anfrage? Und auch da dann Schritt für Schritt Standardanfragen zu automatisieren. Das ist natürlich auch wirklich jetzt nicht die absolute Revolution, sondern eher eine realistische, schrittweise Transformation mit ganz klaren Businesszielen: zu sagen, auch erst mal intern operativ Effizienzen zu schaffen, um dann mit dem Budget die nächsten Automatisierungsschritte angehen zu können und wirklich so inkrementell - ich nenne das, sich quasi so hochzuschrauben.
00:15:04: MATTHIAS RUTKOWSKI: Also es ist, wie man gerne in der Textsprache so schön sagt, eine Low-Hanging-Fruit - und dann stückweise hochskaliert, anstatt von vornherein, du hast es auch schon gesagt, den Big Bang zu wagen.
00:15:16: JANA RICHTER: Genau. Und wichtig ist dabei natürlich auch, ein Zielbild zu haben. Also auch wenn man den ersten Schritt geht, der dann vielleicht gar nicht so das riesige Feuerwerk ist, aber zu sagen: Gut, wir haben ein ganz klares Zielbild, da wollen wir hin. Und genau diese Schritte gehen wir an auf dem Weg zum Zielbild, um da zu lernen und um auch, wie gesagt, erst mal an der Basis genau das zu realisieren, was dann sonst einem später das Genick bricht, wenn man höher automatisiert ist und Systeme hat, die unten drunter aber nicht stabil oder passend verfügbar sind.
00:15:49: MATTHIAS RUTKOWSKI: Wo ist denn aber trotzdem bisher noch die Grenze beim Einsatz von KI-Unterstützung im Bereich der Kommunikation dabei?
00:15:56: JANA RICHTER: Wo man wirklich davon ausgeht, dass man einfach 100 Prozent der Fälle vollautomatisiert. Das ist natürlich durchaus auch eine Vision, zu sagen: Wir wollen den Grad der Automatisierung immer voranbringen. Aber es gab recht prominente Beispiele, wo das einfach nicht funktioniert, also so etwas wie Klarna oder der McDonald's-Voicebot für die Bestellannahme im Drive-through. Und da zeigt sich halt schon, dass da ein großes Risiko dabei ist, wenn man gar nicht in der schrittweisen Taktik vorangeht und sagt: Was sind denn die wiederkehrenden manuellen Fälle? Sondern wenn man einmal alles gelöst haben möchte, dass es doch superviele Fälle gibt, die eine individuelle Betrachtung und auch Empathie benötigen und auch kritische Entscheidungen, wo einfach ein Mensch mit dabei sein muss und sollte. Und das erhöht natürlich auch das Risiko für falsche Informationen. Also wenn man wirklich so einen Randcase hat, der nur einmal alle zwei Jahre auftritt, dann ist die Datenlage für eine KI auch nicht sonderlich solide. Das erhöht also die Wahrscheinlichkeit, dass dann auch ein Voicebot, wenn er jederzeit antworten muss und keinen Fallback hat, Dinge macht, die dann später im Prozess natürlich ein Problem sind, wenn es Fehlinformationen waren und auch falsche Dinge, die Kunden zugesagt wurden. Das heißt, das ist für mich im Moment durchaus ein Bereich, wo man sagt: Ja, da Vorsicht an der Bahnsteigkante.
00:17:11: MATTHIAS RUTKOWSKI: Wir haben zum Abschluss jeder Folge immer den sogenannten Gedanken zum Mitnehmen. Wie lautet dein abschließender Gedanke, wenn du sozusagen einem Entscheider heute begegnest, der noch nicht weiß, wo er anfangen soll beim Thema Kommunikation und KI? Was würdest du dem mitgeben - welche Frage oder welche These?
00:17:27: STATION-VOICE: Und jetzt der Gedanke zum Mitnehmen.
00:17:29: JANA RICHTER: Wo verlieren denn heute meine Kunden und auch meine Mitarbeitenden jeden Tag Zeit, Kontext oder Vertrauen? Wo haben wir da konkreten Bedarf, wie können wir da rangehen und wie messen wir am Ende des Tages Erfolg?
00:17:42: MATTHIAS RUTKOWSKI: Sehr klare, sehr deutliche und sehr spannende Fragen. Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, stellt sie euch und beantwortet sie euch. Jana, ganz lieben Dank für das Gespräch.
00:17:51: JANA RICHTER: Vielen Dank, dir hat es Spaß gemacht.
00:17:54: MATTHIAS RUTKOWSKI: Und wir, liebe Hörerinnen und Hörer, hören uns kommende Woche wieder zu einer neuen Folge "So klingt Wirtschaft". Bis dahin, macht es gut.
00:18:02: STATION-VOICE: So klingt Wirtschaft. Haben Sie Fragen, Kritik oder Anmerkungen? Dann schreiben Sie uns gerne an podcast@handelsblattgroup.com. Gefällt Ihnen, was Sie hören? Dann bewerten Sie uns gerne auf Spotify oder Apple Podcasts.
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